Ein Lernbüro für die Willy-Brandt-Oberschule

Ein Lernbüro für die Willy-Brandt-Oberschule
Um besser auf die individuellen Fähigkeiten aller Kinder eingehen zu können, findet ein Teil des Unterrichts an der Willy-Brandt-Oberschule in Lernbüros statt.

Sie sitzen nebeneinander und lernen unterschiedliche Dinge: Eva schreibt die Regeln zur Textanalyse ab. Emian liest in dem Buch „Den haben wir voll abgezogen“. Im „Lernbüro“ an der Willy-Brandt-Oberschule geht jeder seinen eigenen Weg. An zwei Schulstunden pro Tag blicken die Lehrer nicht mehr frontal auf ihre Siebt- bis Zehntklässler. Eva findet das „ganz okay“, Emian hält das für „schwer, weil man viel schaffen muss“.
 
Die frühere Ganztags-Gesamtschule hat vor einigen Jahren ihr Konzept geändert. Es sei immer schwieriger geworden, erfolgreich zu unterrichten, erzählt Birgit Nowack, die seit elf Jahren an der Schule arbeitet. Die Schülerschaft ist mit mehr als 90 Prozent Migrantenanteil sehr heterogen. Viele Kinder hätten nur mangelhafte Sprach- und Grundkenntnisse mitgebracht, sagt die Sozialpädagogin. „Man konnte nicht allen Schülern gerecht werden.“ So hat sich die Schule auf den Weg gemacht, Unterricht und Lernen zu verändern, und ist zur Reformschule geworden.

Lernen im eigenen Tempo

Um besser auf die individuellen Fähigkeiten eingehen zu können, wurde ein Teil des Stundenplans für das selbständige Arbeiten in Lernbüros geöffnet. Die Schülerinnen und Schüler lernen hier Mathe, Deutsch, Gesellschaftskunde und Physik, die Jüngeren auch Englisch. Wann sie sich welches Thema vorknöpfen, entscheiden sie selber. „Die Kinder sollen sich das fehlende Grundwissen, aber auch neue Themen aneignen. Jeder bestimmt dabei sein Tempo und schafft unterschiedlich viel Stoff“, fasst Birgit Nowack zusammen.

Seit vier Jahren fügt sich das Lernbüro in den rhythmisierten Tagesablauf aus morgendlicher Gruppenzeit, Regelunterricht, Projekten und Werkstatt ein. Die Siebt- und Achtklässler wählen entweder täglich oder für die ganze Woche, womit sie sich in den ersten beiden Schulstunden beschäftigen wollen. Die Älteren kommen in der 3. und 4. Stunde dran.

Das Unterrichtsmaterial dafür haben Lehrerinnen und Lehrer entwickelt. In Mathematik etwa sollen die Siebtklässler sich sechs „Bausteine“ erarbeiten. Die Inhalte liefert jeweils ein Kasten mit Karteikarten. Wer ihn durchgearbeitet hat, kann sich für die Zertifikats-Arbeit anmelden -  und dann mit dem nächsten Baustein weiter machen oder nacharbeiten. Der 15-jährige Sevinc beugt sich über den Kasten mit der Aufschrift „Trigonometrie“. Er blickt etwas skeptisch auf die 89 Karteikarten und bemerkt, im Lernbüro komme man nicht so schnell voran wie in der Klasse.

Lücken fallen schneller auf

Das stimmt: Anders als im Frontalunterricht können Schüler sich hier schlechter entziehen. Ihre Wissenslücken fallen schneller auf. Der Einzelne muss den Stoff so lange eigenständig durcharbeiten, bis der anschließende Test bestanden ist, erklärt die Mathematiklehrerin Dagmar Ehrich. Jede Schülerin und jeder Schüler bekommt dabei persönliche Hilfe und Beratung: „Wer Fragen hat, kann sich direkt an mich wenden.“ Auch die Lehrer würden es schätzen, dass sie besser als vorher auf den Einzelnen eingehen können. Ein Nebeneffekt ist, dass es im Lernbüro ruhiger zugeht als sonst. Die Kollegen gingen gerne in diese Stunden, berichtet auch Birgit Nowack.

Noch gilt es, das Verständnis von Teilen der Schüler und Eltern für diese Unterrichtsform zu erhöhen, die sich den Frontalunterricht zurück wünschen. Und dass manche Schüler die Freiheit dazu nutzen, sich vor den unangenehmen Fächern zu drücken, ist kein Geheimnis: „Einen Schüler habe ich ein halbes Jahr lang nicht bei mir in Mathe gesehen“, erzählt Dagmar Ehrich. Ein Problem, das noch gelöst werden muss, aber auch zum Lernziel gehört: „Wir wollen den Schülern klar machen, dass sie selber Verantwortung tragen“, sagt Birgit Nowack. „Sie müssen das Lernen lernen.“ Die 15-jährige Tugba, die zu den Klassenbesten gehört, ist längst überzeugt: „Ich komme im Lernbüro schneller vorwärts als im Klassenunterricht.“

Text und Bild: Isabel Fannrich-Lautenschläger