Eine neue Bewertungskultur an der Gemeinschaftsschule Reinickendorf, Campus Hannah Höch

Eine neue Bewertungskultur an der Gemeinschaftsschule Reinickendorf
Mut machen statt klein machen – so lautet das zentrale Motto an der Gemeinschaftsschule Reinickendorf, Campus Hannah Höch.

Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet Schulleiter Michael Tlustek daran, dass an seiner Schule „jedes Kind selbständig und seinen Fähigkeiten entsprechend lernen kann“ – in einem sozial schwierigen Stadtteil wie dem Märkischen Viertel eine Herausforderung. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war 2005 die Erweiterung zur gebundenen Ganztagsschule. Damit einher gingen zahlreiche Veränderungen: In einem Teil des Gebäudes wurden die Wände eingerissen – aus Klassenzimmern wurden Lernetagen, in denen die einzelnen Lerngruppen nur durch Regale auf Rollen voneinander getrennt sind. Starre Stundenpläne wurden durch Wochenpläne und Lernwege ersetzt, die sich die Schüler eigenständig erarbeiten.

Schluss mit Noten

Doch vor allem wurden die Notenzeugnisse durch Indikatorenzeugnisse ersetzt, zunächst im Jahrgangsbereich 1 bis 3, seit 2012 auch ab der 4. Klasse. Zum Schulhalbjahr gibt es keine Zeugnisse im herkömmlichen Sinne mehr. Stattdessen schätzen die Schüler selbst ihre Leistungen in den verschiedenen Kompetenzbereichen ein, die auf einem Bogen aufgelistet sind. Auf dieser Grundlage finden sogenannte Lernziel-Beratungsgespräche statt, an denen Lehrer, Eltern und Schüler teilnehmen. „Noten führen immer zu einem Vergleich mit anderen Schülern. Das Gespräch verhilft dagegen zu einer realistischen Selbsteinschätzung“, sagt Schulleiter Tlustek. „Schule muss es schaffen, dass die Kommunikation nicht abreißt. Auch bei schwierigen Schülern, die denken, mit ihnen werde nur rumgemeckert. Oder wenn Eltern den Eindruck haben, die Schule möge ihr Kind nicht.“
Aber auch Kinder, die gute Leistungen in der Schule haben, werden durch Indikatoren herausgefordert, Tim zum Beispiel. Für den 11-Jährigen ist klar: „Ich mag Noten, dann hätte ich eine Eins in Sport.“ Doch jetzt ist die Bewertung viel genauer und zeigt, dass er im Geräteturnen noch besser werden kann. Tim nimmt es sportlich und lacht: „Da muss ich mich eben anstrengen.“

Eine Phase des Experimentierens

Mit seinen Ideen stieß Tlustek auf viel Begeisterung, aber auch auf Widerstand, vor allem bei den Pädagogen. „Es ist natürlich einfacher, eine Note zu geben. Zudem sind Noten ein Disziplinierungsinstrument, auf das man nur ungern verzichtet.“ Das Kollegium einigte sich schließlich auf einen Kompromiss. Den Interessierten wurde die Möglichkeit gelassen, kompetenz-orientierte Zeugnisse zu vergeben. Zugleich wurde kein Kollege dazu gezwungen. Mit der Zeit konnten dank der guten Erfahrungen schließlich auch die Zweifler an der Schule überzeugt werden. Das neue Bewertungssystem setzte sich in den  Jahrgangsstufen 1 bis 3 durch. „Wir haben den Kollegen gezeigt, dass das kein unüberwindbarer Berg ist“, sagt die Lehrerin Alexandra Wolfframm.

Mehr Eigenverantwortung auch in der Bewertung

Die Lerngruppenleiterin war von Anfang an eine Verfechterin der anderen Zeugnisse:
„Mit einem Indikatorenzeugnis zeigen wir ganz genau, was wir von einem Kind erwarten und was es schon gelernt hat. So werden nicht nur die Schwächen, sondern auch die Stärken deutlich.“ Dass die Kinder lernen, ihre Leistungen selbst einzuschätzen, stärkt auch ihre Eigenverantwortung. Denn das eigenständige Lernen steht immer im Mittelpunkt. Die Atmosphäre an der Schule habe sich in den vergangenen Jahren sehr verändert, meint Wolfframm: „Die kommen morgens und sagen ganz eifrig, sie müssten noch das Einmaleins üben.“

Indikatorenzeugnisse auch nach Klasse 3

Zwei Jahre lang wurde darüber diskutiert, ob Indikatoren-Zeugnisse auch in dem Jahrgangsbereich 4 bis 6 möglich seien. „Die Kompetenzen bei den Großen sind komplexer. Es ist viel komplizierter, das in Indikatoren aufzufächern“, erklärt Silke Biniek. Die Lehrerin hat jetzt die Indikatoren-Listen, die in mehreren Arbeitsgruppen erstellt wurden, zu einem Bogen zusammengefasst. „Es war viel Arbeit, sich auf die entscheidenden Indikatoren zu einigen“, sagt die junge Lehrerin und wirkt dabei kein bisschen müde. „Doch der Aufwand lohnt sich.“ Denn künftig soll nicht nur an der gesamten Gemeinschaftsschule Reinickendorf, Campus Hannah Höch ausschließlich mit Indikatoren-Zeugnissen gearbeitet werden. Auch die benachbarte Oberschule, mit der man zu einer Gemeinschaftsschule fusioniert, stellt bereits auf ein verändertes Bewertungssystem um.

Text und Bild: Wibke Bergemann