Entspannung im Ganztag in der Schule an der Jungfernheide

Entspannung im Ganztag in der Schule an der Jungfernheide
Mit klassenübergreifenden Angeboten fördert die Schule an der Jungfernheide das soziale Miteinander.

Kurz vor dem „Tag der offenen Tür“ zeigen Lale* und Simon* stolz ihr Werk: Aus Modellbau-Pappe haben sie die Turnhalle ihrer Schule nachgebaut, so wie sie 1912 mit dem Vorbau noch aussah. Milana* holt die Schulchronik hervor, die sie aus alten Akten zusammengestellt hat: „Ich wusste früher nicht, dass die Russen nach dem Krieg hier waren“, bemerkt sie. Und Natalia* öffnet den Hefter mit ihren Zeichnungen. Sie hat den Neubau der Schule, einen Quader, rosarot koloriert. Es ist Donnerstag, 8. und 9. Stunde. In der Spandauer „Schule an der Jungfernheide“ besuchen Neuntklässler den Kunst/Architektur-Kurs.

Die Angebote finden während der Unterrichtszeit statt

Das Besondere an diesen Kursen ist, dass die Jungen und Mädchen der 7. bis 9. Klassen entscheiden können, ob sie zwei Schulstunden pro Woche lieber kochen oder ihre Fitness trainieren, ob sie ein Computerspiel entwickeln oder sich mit Kunst und Architektur beschäftigen wollen. „Entscheidend ist, dass unser Angebot komplett in der Unterrichtszeit liegt, und nicht, wie häufig üblich, hinten angehängt wird und offen ist“, erzählt Kirsten Jessen, Geschäftsführerin des Freien Trägers der Jugendhilfe „Zwei Ebenen“. Diesen hatte die Schule vor drei Jahren ins Haus geholt, als die Real- und Hauptschule zusammengelegt wurden zu einer teilgebundenen Ganztagsschule.

Kirsten Jessen hat die Kurse mit ihrem Geschäftspartner entwickelt und dafür externe Leiter ausgesucht. Dabei war die „Abwechslung von Kopf, Hand und Herz“ der Schulleiterin Karin Stolle wichtig: „Es musste etwas Sportliches und etwas Kreatives im Angebot sein.“ Spaß und Entspannung mitten im Schulalltag seien genauso wichtig wie der Team-Gedanke, so die beiden Frauen: Die Kinder lernen sich im Ganztag klassenübergreifend kennen – und das soziale Miteinander.

Organisatorisch stellen die Kurse für rund 370 Schüler die Schule allerdings vor eine große Herausforderung. Denn Finanzen, Personal und Räume sind knapp. Manche Lehrerin und mancher Lehrer  würden den Ganztag als „Bespaßung“ bewerten, sagt Rektorin Karin Stolle. Sie beschweren sich, wenn etwa der Computerraum belegt ist. Um Engpässe zum umschiffen, wird das Angebot an den beiden langen Schultagen gebündelt: Dienstags verteilen sich die Achtklässler auf die vier Kurse in der 5./6. sowie 8./9. Stunde oder den parallel dazu stattfindenden Sportunterricht. Donnerstags sind die Siebt- und Neuntklässler dran.

In vielen Kursen entscheiden die Kinder selbst, was sie machen

Nicht immer klappt der Lieblings-Kurs. „Ich wollte lieber zum Kochen“, erzählt ein Mädchen, das bei „Architektur“ mitmacht. „Ich nicht“, Natalia* zuckt mit den Achseln, „ich male gern“. Die Kursleiterin Frau Eggert hat die Teilnehmer zum Einstieg in das Thema ein Puzzle zu Architekturepochen erarbeiten lassen, „um sie mit den verschiedenen Stilen vertraut zu machen“. Weil es keinen festen Lehrplan gibt, konnten die Jugendlichen danach selbst entscheiden, welcher Aufgabe sie sich widmen. Ein Schüler zum Beispiel zeichnete antike Säulen und Kapitelle. Eine Schülerin gestaltete eine kleine Tonfigur: ein Mädchen mit Ranzen auf dem Rücken, das vor einem Gedicht kniet.

Die Schulleiterin ist angesichts der heterogenen Schülerschaft begeistert von soviel Kreativität. Knapp zwei Drittel der Kinder stammen aus Familien, die soziale Leistungen beziehen. Fast die Hälfte haben einen Migrationshintergrund. Zwar nähmen manche Jungen und Mädchen das Angebot nicht ernst und blieben aus. Doch deren Zahl sei „überschaubar“. „Wir wollen diese Schüler mit ins Boot holen“, sagt Kirsten Jessen, „Hauptsache sie sind dabei.“ Die Teilnahme am Kurs und auch die Fehlzeiten erscheinen im Zeugnis. Anstelle von Noten wird das Verhalten bewertet. „Ich höre von den Lehrern, dass sich das soziale Klima positiv verändert hat“, erzählt Kirsten Jessen.

Im Kochkurs bei Birgit Krickel treffen sich Jungen und Mädchen von zwei neunten Klassen. Heute gibt es Thai-Erdnuss-Curry. Mit Begeisterung wird geschnippelt. „Ihr dürft das Gemüse nicht zu weich kochen“, rät die Kursleiterin beim gemeinsamen Mahl. Reste gibt es keine: Was übrig bleibt, bekommen heute die Sozialarbeiter der Schulstation und geben eine saubere Schüssel zurück.

* Name von der Redaktion geändert

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger