Offene Ganztagsbetreuung am Gymnasium Steglitz

Offene Ganztagsbetreuung am Gymnasium Steglitz
Das Gymnasium Steglitz schafft Platz zum Toben und Spielen.

Kaum ist die 7. Stunde beendet, stürmen die ersten Kinder herein und schieben die Ranzen ins Regal. Einige machen es sich mit einem Buch auf den blauen und roten Sofas in der Ecke gemütlich. Andere gruppieren sich mit Brett- oder Kartenspiel um den großen Tisch, der durch ein Regal getrennt in der anderen Hälfte des ehemaligen Klassenraumes steht. Spielmöglichkeiten gibt es im „Otium“ genug. Wer toben will, kann das im Zimmer nebenan tun. Dort wird der Raum durch eine verspiegelte Wand optisch vergrößert. Die Kids dürfen auf Matten toben und mit dem Softball schießen, sich auf einem Filzpodest lümmeln, Musik hören und Kicker spielen. Täglich besuchen etwa 60 bis 70 Schüler die Nachmittagsbetreuung am Gymnasium Steglitz.

Die offene Ganztagsbetreuung für die Fünft- und Sechstklässler gibt es jetzt im dritten Jahr. Früher gingen die Kinder nach der Schule nach Hause. Doch weil immer jüngere Mädchen und Jungen von den Grundschulen aufs Gymnasium kamen, sei der Betreuungsbedarf gestiegen, erzählt der Deutsch- und Sportlehrer Micha Berg. Zuerst halfen ehemalige Schüler, Studenten und Lehrer bei den Hausaufgaben. Seit August 2010 bietet der Mittelhof, ein Freier Träger der Jugendhilfe, täglich ab der 2. Stunde im „Otium“ eine offene und kostenlose Ganztags-Betreuung.

Seit es diese gibt, habe sich das „Wohlfühl-Gefühl für die Kinder extrem gesteigert“, sagt Micha Berg. Angeleitet von drei fest angestellten Fachkräften können die rund 190 angemeldeten Kinder ihren Nachmittag bis 17 Uhr hier selber gestalten: Hausaufgaben machen in den Klassenräumen nebenan, frei spielen in den beiden Erdgeschoss-Räumen und auf dem Schulhof oder sich dem Angebot der Sozialpädagoginnen und Erzieherinnen anschließen. Sie gehen mehrmals im Monat in die Bücherei, außerdem findet in Kooperation mit „Alba macht Schule“ neben dem regelmäßigen Basketballtraining ein Sport- und Spielenachmittag statt. Donnerstagnachmittag wird neuerdings gekocht. Dafür hatte die „Otium“-Vertretung sich eingesetzt, und so gibt es diese Woche Pizza. Isaac,10 Jahre alt und in der 5. Klasse, ist deren Vizepräsident. Das „Otium“ sei toll, schwärmt er: „Besonders der Toberaum. Es gibt so viele kuschelige Sachen.“

Anlaufstelle bei Konflikten

Das „Otium“ ist mehr als betreute Hausaufgaben und Freizeitgestaltung: Es hat sich als Anlaufstelle etabliert. Bei Konflikten wissen die Lehrer, Eltern und Kinder, dass sie die Pädagoginnen ansprechen können. Kinder, die im Unterricht Probleme bereiten, füllen hier den „Nachdenkzettel“ aus. Gibt es Streit in der Klasse, holen die Kinder Katharina Tebarth oder ihre Kolleginnen zur Hilfe. Diese bieten in den Freistunden ein soziales Training an. „Die Kinder fühlen sich hier wie zu Hause“, erzählt die Sozialpädagogin und Diakonin. „Manche bleiben freiwillig bis 17 Uhr.“

Die „Otium“-Mitarbeiterinnen können auch in den Unterricht geholt werden, erzählt Katharina Tebarth. Die Lehrer der 5. und 6. Klassen würden diese Hilfe in sehr unterschiedlichem Ausmaß in Anspruch nehmen, ergänzt Anja Rosenkranz, Klassenlehrerin und Ganztagskoordinatorin. Sie selber schätzt die Unterstützung etwa bei Kletter-Ausflügen, Klassenfahrten oder im Theaterprojekt.

Geplant ist, das „Otium“ auszuweiten für die Klassen sieben bis zehn. Die Einrichtung soll für alle offen sein – nicht, weil die älteren Kinder Betreuung brauchen, sondern weil manche von ihnen viel zu Hause allein sind. „Manche Kinder verbringen viel Zeit am Computer in sozialen Netzwerken oder vor dem Fernseher“, beklagt Anja Rosenkranz.

Schon jetzt kommen einige Siebtklässler regelmäßig ins „Otium“.  Auch Acht- und Neuntklässler überbrücken hier ihre Zeit nach Schulschluss oder wenn vormittags eine Stunde ausfällt. „Das wächst langsam hoch“, sagt Katharina Tebarth. Allerdings gibt es ein Problem: Die Räume fehlen. Die Pädagogin hält zusätzlichen Platz aber gerade für die Älteren für nötig: „Hier ist zu viel junges Gemüse. Die Großen bräuchten mehr unbeobachtete Räume – mit Billard und Kicker.“

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger